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Warum wir Futures Literacy für die KI-Wende brauchen

Flurin Hess
26.05.2026

KI-generierte Realitäten besetzen unsere kollektiven Vorstellungsräume, bevor wir sie selbst füllen. Wer handlungsfähig bleiben will, braucht die Fähigkeit, sich alternative Zukünfte vorstellen zu können.

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Ein US-Präsident inszeniert sich auf KI-generierten Bildern als Jesus. Der ungarische Wahlkampf war von KI-Slop und Desinformationen in einer völlig neuen Dimension geprägt. Die iranische Staats-Propaganda nutzt Lego-Videos, um ihr Narrativ des Krieges zu streuen. Was wir gerade erleben ist ein Frontalangriff auf unsere Wahrnehmung von Realität.

Deepfakes als explosives World Building

Wir müssen aufhören, KI-Bilder und Deepfakes nur als „Fake News“ zu betrachten. In Wirklichkeit sind sie ein hocheffektives Instrument für manipulatives World Building. Wenn ein US-Präsident sich als Jesus-Figur inszeniert oder Wahlkämpfe von KI-Slop geflutet werden, geht es um mehr als Desinformation: Es werden alternative Realitäten so greifbar gemacht, dass sie verschieben, was wir für möglich halten. Dabei müssen diese Bilder gar nicht täuschend echt sein. Es reicht, wenn sie durch Masse und narrative Konsistenz den mentalen Raum besetzen und unsere kollektive Handlungsfähigkeit gezielt untergraben.

Die synthetischen Zukunftsbilder sind so wirksam, weil sie unsere kollektiven Vorstellungsräume besetzen, bevor wir sie selbst füllen können. Bevor wir uns als Gesellschaft eine eigene, alternative Zukunft ausmalen können, haben diese Bilder den Raum bereits mit einer vermeintlichen Wirklichkeit gefüllt. Und wer die Bilder kontrolliert, kontrolliert die Vorstellungskraft.

Dieser Angriff auf unsere kollektive Handlungsfähigkeit ist eine Form der hybriden Kriegführung, die entscheidet, was für eine Welt wir überhaupt noch für denkbar halten.

Die wissenschaftliche Evidenz

Die Antwort darauf darf nicht nur in der Regulierung liegen. Ja, wir brauchen Gesetze. Aber wir brauchen genauso eine mündige Zivilgesellschaft. Und genau hier liegt der Knackpunkt: In einer Welt mit KI-Technologie reicht es nicht mehr aus, nur zu verstehen, wie ein Algorithmus funktioniert (Digital Literacy). Wir müssen auch lernen, wie wir mit der radikalen Ungewissheit umgehen, die diese Technologie auslöst (Futures Literacy).

Wir dürfen heute nicht den gleichen Fehler machen wie vor zehn Jahren, als der Glaube herrschte, dass Kinder einfach nur programmieren lernen müssen, um für die digitale Zukunft gewappnet zu sein. Heute wissen wir, dass technologisches Verständnis ohne die Fähigkeit zur Einordnung wertlos bleibt.

Aktuelle Studien verdeutlichen diese Dringlichkeit. Laut einer KOF-Studie der ETH vom Oktober 2025 ist die Zahl der Stellensuchenden in KI-exponierten Berufen bereits um 27 Prozent stärker gestiegen als in wenig exponierten Bereichen. Besonders junge Menschen spüren durch ein diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit. Diese wirtschaftliche Unsicherheit ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern eine handfeste Gefahr für unsere Demokratie.

Die Forschung weist jedoch auch in eine andere Richtung. Eine weitere ETH-Studie von Takizawa und Grote zeigt, dass unsere Bewertung von Unsicherheit formbar ist: Menschen, die Unsicherheit nicht als Bedrohung, sondern als gestaltbaren Möglichkeitsraum lesen, wählen seltener antidemokratisch, sind offener gegenüber Vielfalt und unterstützen gesellschaftlichen Wandel stärker. Und hier liegt die Brücke von Digital Literacy zu Futures Literacy.

Zwei komplementäre Kompetenzen

Digital Literacy gibt uns das Werkzeug, Mechanismen zu verstehen: wie Scams funktionieren, wie Algorithmen Meinungen verstärken, wie KI-Slop produziert wird. Aber dieses Wissen über Technologie allein genügt nicht, um handlungsfähig zu bleiben. Das tieferliegende Problem ist, dass massenhaft generierte Inhalte ununterbrochen Zukunftsbilder produzieren, die viele von uns als nicht erstrebenswert bezeichnen würden. Da Sprache und Bilder unsere Wirklichkeit prägen, entstehen so schleichend Realitäten, die wir nie aktiv gewählt haben. Wir müssen etwas benennen können, bevor wir es anstreben oder verhindern können.

Genau deshalb ist Futures Literacy die notwendige Ergänzung zur technischen Kompetenz. Wenn heute in KI investiert wird, darf der Ansatzpunkt nicht die Frage sein, welches isolierte Problem die KI nun für uns löst. Wir müssen verhindern, erneut in die «jedes Kind muss programmieren lernen»-Falle zu tappen. Dieser rein technische Fokus ist heute hinfälliger denn je, nicht zuletzt weil KI mittlerweile selbst hervorragend programmieren kann.

Stattdessen muss am Anfang von KI-Transformations-Projekten die Frage nach den Zukunftsbildern stehen, die wir als Organisation und als Gesellschaft überhaupt wollen. Wir müssen die Hoheit über unsere eigenen Vorstellungen zurückgewinnen. Wer die technologischen Hintergründe versteht und gleichzeitig lernt, Zukunftsbilder kritisch zu hinterfragen, wechselt von der Reaktion in die Gestaltung. In Zeiten radikaler Ungewissheit ist diese Verknüpfung wichtiger denn je.