Heimat 1.0
Ich treffe einen alten Bekannten am Gleis. Bevor wir einsteigen, fragt er mich, wohin ich fahre. Ich entgegne: nach Bern. Daraufhin meint er direkt: «Ahh, in die Heimat.» Ich bin in Bern aufgewachsen, lebe jedoch seit ich 19 Jahre alt bin nicht mehr dort. Ist Heimat wo man aufgewachsen ist? Was ist Heimat überhaupt? Ich berichte ihm davon, dass Bern schon ein wenig Heimat ist und ich mich gerade mit dem Thema Heimat auseinandersetze. Er ergänzt, dass er fast 7 Jahre in Bern gelebt hat. Ich frage: «Heimat?» Seine Antwort kommt prompt: «Nein, schöne Erinnerungen!»
Gedanklich war ich gerade dabei, Heimat als ein Set von Erinnerungen zu definieren. Wir sprechen weiter, und mir wird klarer: Heimat ist ein Gefühl, ein Raum. Nicht unbedingt ein physischer Ort. So verspüre ich Heimat, wenn ich in der Schweiz ein Couscous von meiner Mama esse, aber auch ein Fondue in Marokko löst Gefühle der Heimat aus. Heimat sind Emotionen. Heimat ist im Fluss und ändert sich. Wir schaffen sie für unsere Kinder und passen unsere eigene den gegebenen Umständen an. Obwohl es ein kollektives Heimatland oder einen Heimatort gibt, den viele gemeinsam teilen, ist es ein subjektives Gefühl.
Dennoch mobilisiert das Thema Heimat. Sei es um einen physischen Ort zu verteidigen oder um einfach Traditionen zu wahren. Kann ich, um meine Heimat zu schützen, die Heimat anderer einschränken? Vielleicht ist Heimat wie Liebe: nicht endlich, nicht exklusiv. Je mehr es davon gibt, umso reicher werden wir alle.
Heimat 2.0
Als das «Metaverse» noch stärker das aktuelle Thema war, ist mir eine Definition davon geblieben: Das Metaverse ist nicht eine digitale Welt oder sonst ein Ort. Es ist ein Zeitpunkt. Es ist der Moment, wo wir unserem Leben online mehr Wert geben als unserem physischen. Wir sind längst dort. Messenger haben Küchentische ersetzt, Social-Media-Feeds die Fotoalben. Früher schilderte man beim Kaffee was man erlebt hat. Heute werden Screenshots von digitalen Erlebnissen in Gruppenchats geteilt und emotional kommentiert. Heute wird im Digitalen erlebt und im Digitalen verarbeitet. Vieles der Gefühlswelt, die ein Heimatgefühl auslösen kann, hat sich ins Digitale verschoben. Still, schnell und ohne dass wir gross gefragt wurden. Wir haben Heimat weiterentwickelt. Seit neuestem tragen wir sie im Handy mit. Unser Instagram-Account ist unsere algorithmische Heimat. Von uns kuratiert, durch Interaktionen trainiert: ein algorithmischer Heimat-Lieferant. Gepflegt durch tägliche Interaktionen: Liken, Stummschalten, Kommentieren, Folgen und Entfolgen. Nie war es einfacher, Heimatgefühle hervorzurufen: einmal klicken, dreimal scrollen. Dazu gibt es eine gehörige Portion Dopamin. Heimat 2.0 hat keine Ländergrenzen mehr, sie lebt in unseren Timelines!
Heimat wandelt sich. Das verkaufte Elternhaus, das komplett sanierte Schulhaus, das man nicht mehr erkennt. Genauso hat sich auch unsere digitale Heimat verändert: Anfeindungen, Hasskommentare und Algorithmen, die diese Inhalte verstärken. Und als wäre das nicht genug, können diese Algorithmen gezielt dazu verwendet werden, Meinungen zu formen. So etwa solidarische Stimmen mit der schutzlosen, von Genozid gebeutelten Bevölkerung in Palästina zum Schweigen zu bringen: einer Bevölkerung, der nicht nur die digitale Stimme, sondern die physische Heimat selbst entrissen wird. Und das alles geschieht um ein Vielfaches schneller als die bis anhin gewohnten Veränderungen der Heimatgefühle.
Das Resultat: eine Generation heimatloser Menschen. Entwurzelt durch machtgierige Konzerne aus dem Silicon Valley, die uns mehr Verbundenheit versprochen haben und stattdessen unsere Möglichkeiten, echte menschliche Verbindungen aufzubauen, verstümmelt haben. Entwurzelung schafft Angriffsfläche. Ein gefundenes Fressen für Technofaschisten, die einen digitalen Kulturkampf führen. Länderübergreifend und algorithmisch verstärkt. Verunsicherte Buben mit falschen Männlichkeitsidealen zu ködern ist dabei nur ein Beispiel, wie gezielt der gesellschaftliche Zusammenhalt angegriffen wird.
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass auch Heimat 2.0 nicht das Ende ist. Verschiedene Akteure arbeiten bereits am nächsten Update. Heimat 3.0 beinhaltet: mehr Souveränität, weniger Ausbeutung, mehr Menschlichkeit und weniger Big Tech! Die guten alten Zeiten ohne digitale Medien, die unser Heimatgefühl heraufbeschwören? Sie sind genau das: gute alte Zeiten. Reine Nostalgie. Die Zukunft befindet sich nicht in der Vergangenheit.
Über diesen Text
Dieser Text wurde von Dezentrum-Partner Malik El Bay für zwischentext verfasst. zwischentext ist eine interdisziplinäre, multilinguale und (post)migrantische Plattform für literarische und künstlerische Ausdrucksformen.