Kann eine Stadt ihr eigenes Geld schöpfen? Und zwar so, dass es allen zusteht, sicher funktioniert und niemanden ausschliesst? Mit dem «Leu» haben der Verein Encointer und das Dezentrum diese Frage ab Mai 2022 in Zürich praktisch beantwortet.
Der Leu ist eine digitale Lokalwährung, die als Gemeinschaftseinkommen konzipiert ist: Wer alle zehn Tage an einer Versammlung teilnimmt und sich dort von anderen Anwesenden als einzigartige Person bestätigen lässt, schöpft 44 LEU (1 LEU entspricht 1 CHF). Kein Antrag, kein Bankkonto, kein Ausweis. Nicht gebrauchte Leu verlieren kontinuierlich an Wert (Demurrage), und dieser Wertverlust finanziert das nächste Gemeinschaftseinkommen. So entsteht ein eingebauter Umverteilungsmechanismus statt Inflation.
Das Projekt verfolgte von Anfang an ein doppeltes Ziel: Erstens ein echtes, nutzbares Lokalgeld für Zürich, das die Kreislaufwirtschaft stärkt und Chancengleichheit fördert. Zweitens das Battle-Testing des Encointer-Systems unter realen Bedingungen: Eine Währung, die weltweit für Menschen ohne Papiere oder Bankzugang funktionieren soll, muss zuerst beweisen, dass sie Sicherheit und Zugänglichkeit gleichzeitig einlösen kann. Zürich war dafür der anspruchsvollste und zugleich naheliegendste Testort, direkt vor unserer Haustür.
Dahinter stand auch eine Haltung zum Geld selbst. Wie Malik El Bay es im Interview mit Tsüri.ch formulierte: «Wenn ich arbeite, dann schaffe ich Geld. Das ist ein Denkfehler.» Geld wird geschöpft, nicht durch Arbeit geschaffen. Der Leu macht diese Schöpfung transparent, demokratisch und legt sie in die Hände der Community.
Artikel in tsüri.ch, 16.3.23
Interdisziplinäre Community-Arbeit
Das Dezentrum übernahm die operative Gesamtleitung über alle Bereiche und koordinierte ein interdisziplinäres Team, unterstützt durch die Zusammenarbeit mit der Agentur Streuplan als Profis für Marketing und Kommunikation. Die Arbeit lief über vier Stränge:
Community-Aufbau Herzstück waren die Versammlungen im Zehn-Tage-Rhythmus, an denen die Teilnehmenden sich gegenseitig attestieren und ihr Gemeinschaftseinkommen schöpfen. Im Anschluss ass man oft gemeinsam Zmittag, was den Zusammenhalt der Community stärkte. Ergänzend schufen die LeuTreffs ein soziales Gefäss: Orte, an denen aus einer Zahlungs-Community eine Gemeinschaft wurde, mit Austausch über die Weiterentwicklung der Währung.
Akzeptanz Eine Währung ist nur so viel wert wie das, was man damit kaufen kann. Bereits ab dem Start akzeptierte das Café Sphères den Leu, im Juni 2022 folgte der Marktladen Berg und Tal. Über systematischen Aussendienst und klassische Akquise (insgesamt über 500 bearbeitete Kontakte in der Sales-Pipeline) wuchs das Netzwerk auf 31 formale Akzeptanzstellen: von Gastronomie und Lebensmitteln über Yoga, Coiffeur und Blumenladen bis zum Copyshop. Für Unternehmen wurden Kreislauf-Optionen aufgezeigt: Lieferantinnen in Leu bezahlen oder Leu als Bonus an Mitarbeitende weitergeben.
Institutionalisierung der Kreisläufe Mit den grössten Akzeptanzstellen wurde die Local Economy Association (LEA) gegründet und geführt, ein von Encointer unabhängiger Verein für zirkuläre Wirtschaft. Die LEA kauft und verkauft Leu, um lokale Kreisläufe zu schliessen und das Risiko für Unternehmen zu senken, die viel Leu annehmen. Über LEA-Rückkäufe flossen mehrere tausend Leu zurück in den Umlauf.
Kommunikation Website, aktive Medienarbeit (unter anderem 20 Minuten und Tsüri.ch) und eine Plakatkampagne machten den Leu in der Stadt sichtbar und luden zur Auseinandersetzung mit der Grundfrage ein: Warum glauben wir, dass Geld nur durch Arbeit entstehen darf?
Eine Plakatkampagne machte den Leu stadtbekannt.
Leu in Zahlen
Über zwei Jahre und 119 Zyklen hat der Leu gezeigt, dass sich neues Geld etablieren lässt. Die Kennzahlen:
332 Personen haben mindestens einmal an einem Zyklus teilgenommen und Leu geschöpft
83% aller Personen, welche die App installierten, haben tatsächlich Gemeinschaftseinkommen bezogen, eine bemerkenswert hohe Conversion von Interesse zu realer Teilnahme
Am Höhepunkt (18. April 2023) zählte die Community 155 Reputables, also Personen mit kürzlich attestierter Teilnahme; die grösste Versammlung erreichte 65 Teilnehmende (Februar 2023)
31 formale Akzeptanzstellen am Höhepunkt (Ende 2023); nach einer Anpassung der Teilnahmeregeln Anfang 2024 konsolidierte sich das Netzwerk auf 13 aktive Akzeptanzstellen
Der Leu ist damit die erste Encointer-Community, die einen vollen Lebenszyklus durchlaufen hat: Aufbau, Wachstum, Peak und einen geordneten Rückzug des professionellen Teams und die Übergabe an eine kleine, weiterhin aktive Kerngruppe. Für das Dezentrum wurde das Experiment im Frühling 2024 beendet und der Fokus auf die afrikanischen Encointer Communities gelegt.
31 formale Akzeptanzstellen waren am Höhepunkt mit dabei
Kreisläufe sind der Schlüssel
Die Etablierung von neuem Geld ist möglich, aber ein langer Weg. Menschen kamen, schöpften Geld und gaben es aus, weil andere es als Bezahlung akzeptierten. Der Glaube an eine Währung lässt sich aufbauen. Er braucht aber kontinuierliche Pflege, sichtbare Nutzungsmöglichkeiten und Zeit. Jahre, nicht Monate.
Die grösste Herausforderung war nicht die Schöpfung, sondern die Zirkulation. Die Daten aus den Transaktionen zeigen es deutlich: Mehr Akzeptanzstellen bedeuten nicht automatisch mehr Umsatz, und mehr Umsatz noch keine geschlossenen Kreisläufe. Beliebte Akzeptanzstellen sammelten Leu schneller an, als sie ihn ausgeben konnten, und die Demurrage allein motivierte sie nicht, ihre Lieferketten einzubinden. Planung allein löst dieses Problem nicht: Vorgesehene Kreisläufe über Lieferanten liessen sich nur schwer realisieren. Es braucht Mechanismen, die Geld aktiv im Umlauf halten, und eine Entität, die diese Aufgabe verantwortet.
Die LEA war die erste Antwort darauf. Aus demselben Learning entstanden später zwei Elemente des Encointer-Systems: eine gemeinsame Reserve in Landeswährung, über deren Verwendung die Community demokratisch entscheidet, und das Recht, lokale Währung unter definierten Bedingungen gegen Mittel aus dieser Reserve zu tauschen. So erhält die Währung einen belastbaren Wert, ohne dass eine zentrale Stelle ihn garantieren muss.
Diversität ist eine Funktionsbedingung. Ein Gemeinschaftseinkommen trägt die Schwächeren nur mit, wenn die Community breit zusammengesetzt ist. Der Leu funktioniert nicht als reines Angebot für von Armut Betroffene, sondern als Währung für alle, deren Wert gerade daraus entsteht, dass unterschiedliche Menschen mitmachen.
Das Vermächtnis des Leu
Der Leu war das Labor, das den Weg für viel Weiteres geebnet hat. Protokoll, App und später die Governance-Werkzeuge wurden unter realen Bedingungen erprobt und verbessert. Die Learnings zu Kreisläufen führten direkt zur Fractional Reserve für Community Currencies. Und die Erfahrung, wie man eine Währungs-Community aufbaut, floss in die Zusammenarbeit mit den Communities Nyota in Dar es Salaam und PayNuq in Zaria ein, wo das System heute in ganz anderen Kontexten wächst. Zürich hat gezeigt, dass es geht. Tansania und Nigeria zeigen, was es bewirken kann.
Peer-reviewd Paper: Brenzikofer, A., El Bay, M.: Democratic Treasury Governance Without Plutocracy, European DAO Workshop 2026 (Datengrundlage für Zyklen- und Reputables-Zahlen, Stichtag 19.5.2026)
Retrospective on 2 years Leu, Präsentation, Stand 12.3.2024 (Datengrundlage für Akzeptanzstellen, Sales-Pipeline, Leu-Flows und Versammlungs-Peak)