Vor rund acht Jahren hielten wir von Dezentrum eine unserer ersten grossen Präsentationen. Wir sprachen über Cambridge Analytica. Auf deren Website prangte ein Bild von Donald Trump. Die Firma, die später massiv in Verruf geriet, stellte sich selbst als eine seiner wichtigsten Wahlhelferinnen dar. Was in diesem Zusammenhang sichtbar wurde: das Potenzial digitaler Technologien, die Macht datengetriebener Kampagnen, Microtargeting, Desinformation, strategisch erzeugte Polarisierung.
Diese Themen haben uns stark geprägt. Sie führten dazu, dass wir uns intensiv mit digitaler Medienkompetenz auseinandersetzten. Wir wollten verstehen, wie Meinungsbildung im digitalen Raum funktioniert, und wie man Menschen befähigen kann, sich darin selbstbestimmt zu bewegen.
Die Grundannahme war klar: Wenn Menschen besser verstehen, wie digitale Öffentlichkeiten funktionieren, können sie manipulative Dynamiken besser erkennen, und Demokratie wird resilienter.
In den folgenden Jahren haben wir zahlreiche Projekte im Bereich Digital Literacy umgesetzt. Wir entwickelten Formate gegen Radikalisierung im Netz. Wir arbeiteten mit Schulklassen, Lehrpersonen, Sozial- und Jugendarbeiter:innen. Wir diskutierten Algorithmen, Filterblasen, Desinformation, Plattformlogiken und demokratische Verantwortung.
Und ja: Diese Arbeit ist wichtig. Sie bleibt wichtig.
Aufklärung ist eine demokratische Grundvoraussetzung.
Doch wenn man heute nüchtern Bilanz zieht, muss man auch eine unbequeme Frage stellen: Wieso machen wir das überhaupt noch?
Je länger wir in diesem Feld arbeiten, desto deutlicher wird: Medienkompetenz allein kann strukturelle Probleme nicht kompensieren. Es fühlt sich teilweise an, als würde man mit einer Luftpumpe gegen einen Sturm antreten. Denn die Herausforderungen sind nicht nur individuell, sondern systemisch.
Wenn Geschäftsmodelle auf maximaler Aufmerksamkeit basieren,
wenn Empörung Reichweite erzeugt,
wenn Desinformation billig produzierbar und global skalierbar ist,
wenn Plattformarchitekturen Polarisierung verstärken –
dann operieren Bildungsprojekte gegen eine Infrastruktur, die in eine andere Richtung optimiert ist.
Aufklärungsarbeit kann nur so gut wirken wie die Informationsumgebung, in der sie stattfindet.
Je fragiler die öffentliche Informationsgrundlage, desto schwieriger wird diese Arbeit.
Und genau hier liegt der Kern der aktuellen Debatte rund um die Halbierungsinitiative.
Eine demokratische Öffentlichkeit braucht mehr als kritische Individuen:
Sie braucht verlässliche Institutionen. Sie braucht Medienhäuser, die recherchieren, einordnen, prüfen und kontextualisieren. Sie braucht öffentlich-rechtliche Angebote, die nicht primär auf Klickzahlen optimiert sind, sondern auf gesellschaftliche Verantwortung.
Wenn diese Strukturen geschwächt werden, verschiebt sich die Last immer stärker auf das Individuum. Und das ist eine Überforderung. Digitale Medienkompetenz ist notwendig. Aber sie ersetzt keine funktionierende öffentliche Informationsinfrastruktur.
Deshalb ist für uns klar: Als Mitglied der digitalen Zivilgesellschaft sagen wir am 8. März entschieden NEIN zu dieser Initiative.
Nicht, weil öffentlich-rechtliche Medien perfekt sind. Sondern weil Demokratie ohne stabile Informationsgrundlage nicht funktioniert.
Acht Jahre Arbeit im Bereich Digital Literacy haben uns viel gelehrt. Vor allem eines: Bildung ist essenziell – aber ohne starke Medienstrukturen bleibt sie ein Abwehrkampf gegen den Sturm.