Position Maps: Eine kurze Schritt-für-Schritt-Anleitung
Laetitia Della Bianca
24.08.2026
Wenn ich bei dem Versuch, eine komplexe Debatte zu verstehen, nicht weiterkomme, hilft mir diese Übung mit zwei Achsen, die Situation klarer zu erkennen. Hier eine Anleitung, wenn ihr es selber ausprobieren möchtet.
Position Maps (auf Deutsch etwa «Positionskarten») sind Teil der Situationsanalysemethode der Soziologin Adele E. Clarke, die als Mittel gegen analytische Lähmung entwickelt wurde (wenn wir uns von einer komplexen Situation kognitiv überfordert fühlen, so wie es mir hier passiert ist).
Die Methode soll den Analysierenden helfen, die Unübersichtlichkeit einer Situation klarer zu erkennen und zu besprechen, indem Personen und Institutionen von festen Positionen gelöst werden. «Position» bezeichnet dabei einen Standpunkt oder eine Haltung zu einem bestimmten Thema.
Clarke entwickelte die Methode als Hilfsmittel für Forschende, um komplexe Situationen zu analysieren und daraus theoretische Erkenntnisse zu entwickeln. Sie lässt sich aber ebenso als eigenständiges Experiment nutzen – ohne den Anspruch, daraus theoretische Ergebnisse oder ausgefeilte Schlussfolgerungen ableiten zu müssen.
Wie erstellt man eine Position Map?
Die Grundidee ist einfach: Wie bei jedem Diagramm erstellst du ein Koordinatensystem mit zwei Achsen. Statt Zahlen trägst du darauf jedoch Positionen zu einem bestimmten Thema ein.
Schritt 1: Wähle eine Debatte aus, die du besser verstehen möchtest
Diese Debatte bildet deine «Situation». Für mein Experiment habe ich die Frage gewählt, wie Kinder und Jugendliche vor den Gefahren sozialer Medien geschützt werden können.
Schritt 2: Sammle deine Daten
Recherchiere, lies, sprich mit anderen und sammle Informationen. Für mein Experiment habe ich Sekundärrecherchen mit einem Videoanruf bei Estelle Pannatier von AlgorithmWatch CH kombiniert, die mir großzügigerweise einige Aspekte des Themas nähergebracht hat.
Ich habe DEVONthink verwendet, um meine Dokumente – Webseiten, PDFs und Notizen – zu organisieren. Grundsätzlich eignet sich dafür aber jedes Tool, das du normalerweise für Recherche und Wissensorganisation verwendest.
Schritt 3: Übersetze diese Spannungen in zwei Achsen
Das ist nicht einfach. Und vielleicht findest du deine eigentlichen Achsen erst im Verlauf der Übung. Mach dir zu Beginn deshalb noch nicht zu viele Gedanken darüber. Im Idealfall spiegeln die Achsen Unterschiede oder Kontroversen wider, die du in deinem Material entdeckt hast, also Aspekte, die unterschiedlich stark als Problem dargestellt werden.
Für mein Experiment habe ich zunächst folgende Achsen ausprobiert:
x-Achse: Notwendigkeit einer Regulierung sozialer Medien (mehr vs. weniger)
y-Achse: Ziel der Intervention (Nutzer bzw. Menschen vs. Plattforminfrastruktur bzw. -architektur)
Daneben habe ich eine weitere Kombination ausprobiert:
x-Achse: Ansatzpunkt der Intervention (institutionell bzw. rechtlich vs. informell)
y-Achse: Konstruktion von Jugend (verletzliche Opfer vs. handlungsfähige Partner)
Schritt 4: Trage die Positionen ein, nicht die Personen
Sobald du zwei Achsen gefunden hast, mit denen du zufrieden bist, kannst du beginnen, die Positionen aus deinem Material in das Diagramm einzutragen. Wichtig: Du stellst keine Personen oder Gruppen dar, also nicht «die Regierung fordert X» oder «Lehrpersonen plädieren für Y». Stattdessen trägst du die Argumente und Standpunkte ein, unabhängig davon, wer sie vertritt.
Auf meiner Karte waren das zum Beispiel «gesetzlich verbieten», «den Markt sich selbst regulieren lassen» oder «keine Smartphones in der Schule», usw.
Um diesen Schritt zu erleichtern, kannst du zunächst versuchen, das zu erstellen, was Clarke eine «Situationskarte» nennt. Liste dafür möglichst viele Dinge auf, die mit deiner Situation zu tun haben: Personen, Gegenstände, Gedanken, Dokumente, Werte, Handlungen – unabhängig davon, welcher Kategorie sie angehören.
Je stärker du dieses Rohmaterial zunächst zerlegst, desto leichter wird es, darin Muster, Unterschiede und Spannungen zu erkennen. Aus der zunächst unübersichtlichen Situation können so nach und nach klar unterscheidbare Positionen entstehen.
Schritt 5: Entdecke Anhaltspunkte für deine Analyse
In dieser Phase werden die Zusammenhänge möglicherweise schon etwas klarer. Welche Positionen werden beispielsweise von welchen Akteur:innen vertreten? Hat ein:e Akteur:in mehrere, vielleicht sogar widersprüchliche Positionen inne? In welchem Verhältnis stehen die Positionen zueinander? Stehen sie im Konflikt, ignorieren sie sich oder ergänzen sie sich?
Die Übung lässt sich auch im Laufe der Zeit wiederholen, um zu beobachten, wie sich Positionen verändern: Verschwinden manche, entstehen neue oder werden bestimmte Positionen zum Schweigen gebracht?
Schritt 6: Suche nach den leeren Stellen
Sobald du die Positionen eingetragen hast, die tatsächlich zum Ausdruck gebracht werden, kannst du dich auch fragen: Welche Positionen wären auf dieser Karte logisch möglich, werden aber von niemandem eingenommen?
Auch Stille kann eine Information sein. Eine fehlende Position könnte darauf hindeuten, dass eine Perspektive aktiv zum Schweigen gebracht wird, im aktuellen Diskurs undenkbar ist oder schlicht noch von niemandem artikuliert wurde. Gerade darin kann eine Öffnung für neue Argumente oder Advocacy-Arbeit liegen.
Auf meiner eigenen Karte habe ich begonnen, einige solcher Lücken zu identifizieren, bin mit der Analyse aber noch nicht weit gekommen. Meine Achsen waren noch nicht ausreichend ausgearbeitet. Deshalb wollte ich lieber mit Schritt 7 weitermachen und später noch einmal darauf zurückkommen.
Schritt 7: Wiederholen
Wenn du einen ersten Durchgang abgeschlossen hast, kehre zum Anfang zurück und wiederhole den Prozess: Sammle weitere Daten, finde neue Positionen, verfeinere deine Achsen und verschiebe Positionen, wenn sich dein Verständnis verändert. Oder vielleicht hast du bereits das Gefühl, nicht mehr festzustecken.
Ach ja: Die Methode muss nicht strikt befolgt werden. Ich habe mir in meinem eigenen Experiment ebenfalls einige Freiheiten genommen. Schliesslich geht es hier nicht darum, eine Methode perfekt anzuwenden, sondern darum, einen Weg aus der analytischen Überforderung zu finden.
Mehr erfahren?
Wenn du mehr über Position Maps erfahren möchtest, ist diese Website ein guter Ausgangspunkt, und vielleicht auch eine Gelegenheit, selbst einmal zu versuchen, eine verworrene Situation zu kartieren.
Bildreferenz
Eine iterative Mapping-Übung. Das Bild zeigt das Ergebnis des ersten Analysezyklus. To be continued…
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