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Think the Unthinkable

Jeannie Schneider
10.03.2026

Für nachhaltige Tranformation brauchen wir nicht nur eine Veränderung im Handeln, sondern auch im Denken.

Ich stelle mal eine Behauptung in den Raum: Der grösste Clou des Kapitalismus war es, dass die «there is no alternative»-Doktrin von einem politischen Kampfruf zu einer gemeinhin akzeptierten Tatsache wurde.

Und inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, wo die eine Art zu leben praktisch als die einzige gilt. Unvorstellbar eine Welt, in der Wachstum nicht die alles bestimmende Metrik ist. Aber sogar die grössten Optimist:innen unter uns sehen inzwischen ein, dass die Klimakrise, politische Umbrüche und Instabilitäten unser Leben verändern werden.

Die Frage ist nur: Wie werden wir uns mitverändern?

Veränderung: Die Frage ist nicht ob, sondern wie

Auch wenn mit allen denkbaren technologischen Mitteln versucht wird, unsere westliche, ressourcenintensive Art des Lebens aufrecht zu erhalten, werden uns realistischerweise alle Luft-Filterung-Versuche und Lithiumbatterien nicht davor bewahren, mindestens gewisse Verhaltensänderungen vorzunehmen. Oder anders ausgedrückt: Es reicht nicht, nur Veränderungen am System vorzunehmen.

Forderungen nach einer Veränderung des Systems stehen im Raum (auch wenn der Grad dieser Veränderung sehr kontrovers ist). Der Ruf nach systemischer Innovation, also nachhaltiger Transformation unserer Lebensweise, wird lauter.

Sich eine Zukunft vorzustellen, die zugleich radikal anders und wünschenswert ist, fällt uns nicht leicht. Gleichzeitig ist so ein Zukunftsbild ein wichtiges Instrument politischer Handlungsfähigkeit. Wie können wir den Zirkel aus Pflästerli-Politik, fehlender Vorstellungskraft und politischer Deprivation zu durchbrechen?

Als in der Schweiz lebende Menschen sind wir uns oft nicht bewusst, dass es letztlich nur eine subjektive Perspektive ist, die unser kollektives Verständnis von Zeit, Raum und Wahrheit prägt, weil sie sich gegen andere Weltanschauungen durchgesetzt hat (Pupul Bisht 2017). Dass dieses «durchsetzen» aber die Ausübung von Soft Power bis hin zu handfester Gewalt bedarf, wird dabei oft ausgeblendet.

Diese bestimmte Art der Wahrnehmung übersetzt sich dann in (unausgesprochene) soziale Normen oder mentale Modelle. Ein mentales Modell ordnet unsere Erfahrungen und die Ereignisse in der Welt in ein Raster ein und verschreibt diesem Bedeutung (Kania et. al 2018).

Für eine wirkliche Transformation unserer Lebensweise, genügt es eben nicht, lediglich Ressourcen anders zu verteilen, neue Policies vorzuschlagen oder Verhaltensänderungen zu incentivieren. Was es braucht, sind veränderte Beziehungen zwischen Akteuren und den daraus resultierenden Machtverhältnissen. Und um das zu bewerkstelligen braucht es wiederum eine Veränderung der mentalen Modelle, die unser Denken und Handeln prägen. Denn sie bestimmen jene Referenzrahmen, die für uns definieren, was richtig und falsch ist.

Was wir für möglich halten, ist kein Zufall

Viele dieser mentalen Modelle sind uns durch Geschichten, Filme oder kulturelle Narrative unterbewusst vermittelt worden. Einige davon wurden uns aber auch sehr bewusst beigebracht, um eine gesellschaftliche Ordnung zu errichten. Seien es Ansichten über vermeintliche Geschlechterunterschiede ebenso wie wirtschaftliche Glaubenssätze, die längst widerlegt sind: etwa das Trickle-Down-Prinzip, also die Annahme, dass es allen besser geht, wenn die Reichsten noch reicher werden. Konzepte wie «Leistung lohnt sich» oder «Du bist deines eigenen Glückes Schmied» verschleiern systematische Bedingungen und individualisieren Schuld in einem gesellschaftliche Gefüge. Aber wegen «there is no alternative» scheint ein Zusammenleben ausserhalb einer kapitalistischen Logik unmöglich.

Das Gute ist, dass sich diese mentalen Modelle aber verändern können. «MeToo» ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Veränderung und zeigt, wie bedeutsam diese Transformation ist. Zwar existierten bereits vor MeToo zahlreiche Policies zur Geschlechtergleichstellung, doch sie zielten häufig auf eine reine Verschiebung von Ressourcen ab, wie zum Beispiel Förderprogramm für Frauen (hier bewusst ohne *) in Führungspositionen. Viele dieser Förderprogramme versuchten, Frauen besser für eine Männerwelt vorzubereiten, anstatt die Dynamiken der Arbeitswelt grundlegend zu verändern. MeToo hingegen sorgte dafür, dass sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz (und darüber hinaus) deutlich weniger toleriert wurde und schaffte so bessere Bedingungen für viele Frauen*.

Doch auch veränderte mentale Modelle lösen nicht das ganze Problem: Auch wenn sexuelle Übergriffe gegenüber der Sekretärin nicht mehr «zum guten Ton» gehören, leisten Frauen* in der Schweiz noch immer mehr Sorgearbeit als ihre Partner. Trotzdem schafft dieser shift im mentalen Modell nicht nur einen realen Mehrwert für Frauen*, sondern beeinflusst auch den öffentlichen Diskurs über nachgelagerte Policies.

Es gibt keine Lösungen – aber Alternativen

Systemische Innovation braucht also nicht nur intelligente Korrekturen am bestehenden System, sondern auch Veränderungen in den grundlegenden Prämissen des Systems. Wenn wir an die grossen Probleme unserer Zeit denken, ist es verlockend, einfach darauf zu hoffen, dass schlaue Ingenieure uns mit neuen Technologien retten werden oder darauf, dass jene etablierten staatstragenden Parteien die neofaschistischen Strömungen wieder eindämmen, die sie durch ihr eigenes Versagen erst ermöglicht haben. Aber damit erhalten wir zu einem Stück weit die Bedingungen, welche die zeitgenössischen Probleme erst hervorgebracht haben.

Nur wenn sich die Bedingungen, die das Problem hervorbringen, verändern, kann sich das Problem verändern. Unsere vorherrschenden mentalen Modelle zu hinterfragen, ist dementsprechend nicht nur eine imaginative Leistung, sondern auch ein wichtiges Prinzip für kollektive Handlungsfähigkeit und eine Bedingung für wirkliche nachhaltige Transformation.

Es wird wohl keine einfache (technologische) Lösung für unsere Probleme geben, doch wenn wir uns bewusst werden, wie viele alternative Formen des Zusammenlebens es gibt, können wir den Weg in eine nachhaltige Zukunft finden.

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