Was ich als Szenario-Technik-Rookie über die Zukunft gelernt habe (und warum ich sie jetzt im Plural denke)
Es gibt kaum ein Wort, dass so selbstverständlich benutzt wird wie «Zukunft» und gleichzeitig so selten präzisiert wird.
Man spricht darüber, plant und argumentiert damit, als wäre klar, worauf wir uns beziehen. Erst im Arbeiten an diesem Kapitel wirkte der Begriff plötzlich weniger wie eine Orientierung und mehr wie eine Abkürzung. An dieser Stelle hat sich für mich die Frage gestellt, welche Vorstellungen über die Zukunft ich selbst mitbringe. Wenn man ein neues Themenfeld betritt, merkt man oft erst, wie viele unausgesprochenen Vorstellungen (Mental Biases) man bereits mit sich trägt.
Bei mir war es vor allem eine: die Annahme, dass Zukunft etwas Einheitliches sei, ein fortlaufender Prozess, der aus der Gegenwart logisch hervorgeht, ziemlich sicher komplex, vielleicht unvorhersehbar, aber grundsätzlich «eins». Diese Vorstellung hat sich schnell relativiert. Nicht, weil Zukunft völlig offen oder chaotisch wäre, sondern weil der Singular irreführend ist. «Die Zukunft» klingt nach einer Erzählung, die für alle gilt. Tatsächlich beschreibt sie jedoch oft nur jene Perspektive, die im Diskurs dominant ist.
Um die Fragen über Morgen zugänglich zu verhandeln, braucht es ein anderes Grundverständnis - und eine Methode die diesen Blick unterstützt. Die Szenario-Technik bietet dafür einen strukturierten Rahmen, um mögliche zukünftige Entwicklungen systematisch zu analysieren und in Form von Zukunftsbildern («Szenarien») darzustellen. Sie macht mögliche Entwicklungen sichtbar und eröffnet damit Entscheidungsräume, in denen Chancen, Risiken und alternative Pfade nebeneinander betrachtet werden können.
Im Folgenden geht es mir weniger darum, die Szenario-Technik im Detail zu erklären, sondern zwei Beobachtungen zu teilen, die mir als «Rookie» in der Auseinandersetzung damit besonders hängen geblieben sind.
Rookie-Take-Away 1: Der Plural der Zukunft
Eine der ersten Einsichten war, dass der Plural «Zukünfte» keine sprachliche Nuance ist, sondern eine Verschiebung der Perspektive. Der Plural macht nachvollziehbar, dass Zukunft nicht aus einer Linie besteht, sondern aus vielen möglichen Weiterentwicklungen, die gleichzeitig denkbar sind.
Der Fokus verschiebt sich von «Was wird passieren?» zu «Welche Entwicklungen sind plausibel und für wen?». Dadurch wird sichtbar, dass mehrere Zukünfte aus derselben Gegenwart hervorgehen können. Entscheidend ist weniger, ein mögliches Zukunftsbild als «wahrscheinlich» einzustufen, sondern zuverstehen, welche Annahmen und Sichtweisen seine Entstehung prägen.
Rookie-Take-Away 2: Der Blick auf die Gegenwart
Zukünfte zu denken beginnt im Jetzt. Im ersten Schritt der Szenario-Technik richtet sich der Blick nicht nach vorne, sondern radikal auf das Jetzt: auf die Kräfte, die heute wirken, auf ihre Verflechtungen und auf die Annahmen, die wir mittragen. In diesem Blick erscheint die Gegenwart nicht als stabiler Zustand, sondern als ein Geflecht aus Interessen, Strukturen und blinden Flecken. Zukunft zu denken bedeutet deshalb immer auch, mehr über die Gegenwart zu lernen.
Wer Zukünfte entwickeln will, muss dieses Geflecht zuerst offenlegen:
– Was gilt als gegeben?
– Wo entstehen mögliche Bruchstellen?
– Welche Einflussfaktoren wirken auf die Gegenwart?
– Welche Perspektiven fehlen in unserem Verständnis der Gegenwart?
Ein Anfang, kein Ende
Was für mich aus dieser ersten Auseinandersetzung bleibt, ist weniger ein konkretes Bild von Zukunft als ein veränderter Blick darauf, wie wir überhaupt darüber sprechen und nachdenken. Zukünfte im Plural zu denken und die Gegenwart als Geflecht wahrzunehmen, öffnet eine andere Haltung: Eine Haltung, die weniger von Vorhersagen (Prognosen) ausgeht und stärker auf Beobachtung setzt. Eine Haltung, die Unklarheiten nicht als Schwäche liest, sondern als Teil des Denkprozesses.